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Bildkritik

Was ist Bildkritik? Wozu soll sie mir nützen? Wie gehe ich damit um? Wie gebe ich selbst Bildkritik?

Diese Gedanken möchte ich für Anfänger gerne mal aufdröseln, denn in diversen Fotogruppen und -foren fällt mir immer wieder auf, dass Bildkritik recht negativ behaftet ist. Man liest nicht selten von Anfängern „Es war Absicht.“ oder „Ich wollte es so“, oder „Ich bin ja noch Anfänger.“ wenn erfahrene Fotografen handwerkliche Tipps geben wollen. Vielleicht sind es Schutzbehauptungen, Rechtfertigungen, oder einfach nur die Hilflosigkeit, wie man mit Bildkritik umgeht. Da jedoch Bildkritik ein wesentliches Instrument ist, an seiner eigenen Leistung zu wachsen, möchte ich meine Gedanken dazu einmal zusammentragen, um Anfängern der Fotografie diesen Weg zu erschließen.

Aber was ist denn überhaupt Kritik?
Der DUDEN sagt uns, Kritik ist  „…[fachmännisch] prüfende Beurteilung und deren Äußerung in entsprechenden Worten…“ oder
„… kritische Beurteilung, Besprechung einer künstlerischen Leistung, eines Werkes …“
Hm, das klingt erstmal recht theoretisch. Ehe wir jedoch auf das eigentliche Thema „Bildkritik“ kommen, möchte ich gerne noch ein weiteres Thema streifen, nämlich die Kommunikation, da die Kommunikation im Netz eine Besonderheit aufweist.

Ein kleiner (und auch nur blitzartiger) Einblick in das Kommunikationsmodell soll es im Folgenden verdeutlichen.

Im realen Leben, stehst du deinem Kritiker gegenüber. Du siehst seine Mimik und Gestik, hörst seine Sprachmelodie, seinen Tonfall, wenn du eine Bildkritik bekommst. Im Netz liest du bei einem geschriebenen Text nur die Worte. Das ist ein nicht zu vernachlässigender Aspekt.

Hier ein Beispiel, lies dir folgenden Satz durch und überlege dir, was er aussagen kann:

Du hast eine schöne Hose an.

Ich denke, hier wird klar, dass man schnell zwischen der Sachebene und der emotionalen Ebene hin- und hergeschupst wird, wenn man keine Sprachmelodie hört. Im schlimmsten Fall könnte der Satz folgendermaßen  interpretiert werden „Was gefällt der / dem schon wieder an meiner Hose nicht.“ und ein Konflikt ist vorprogrammiert.

Wenn es sich um Bildkritik handelt, sollten wir uns bewusst auf der Sachebene! bewegen, sowohl im Kritik geben, als auch im Kritik annehmen.
Bildkritik hat nie den Auftrag, den Fotografen emotional zu treffen. Sie soll viel eher rückmelden, wie das Bild auf den Betrachter wirkt, was den Betrachter möglicherweise irritiert oder was an dem Bild besonders gefällt / missfällt. Im Idealfall stimmt die Absicht des Fotografen mit dem Feedback des Betrachters überein. Sollte es nicht so sein, hat der Fotograf die Möglichkeit, an seinen Fertigkeiten zu arbeiten, dass seine gewollte Aussage auch transportiert wird.

Ihr seht schon, Bildkritik ist für Anfänger in der Fotografie eine wunderbare Schule, um sich zu entwickeln. Aus meiner Erfahrung sage ich, durch die strengsten und klarsten Bildkritiken habe ich das meiste gelernt. Das gelingt aber nur, wenn man Bildkritik nicht als persönlichen Angriff sieht, sondern als Chance, das da jemand Potenzial sieht, sich zu entwickeln. Sicher hört man auch gerne Lob, und freut sich, wenn jemanden ein Bild gefällt. Den Part übernimmt der Familien- und Freundeskreis, also Leute, die euch persönlich kennen, aber meist mit Fotografie nicht tiefer involviert sind. Aus dieser Gruppe kommt fast immer „niedlich“, „schön“, „toll“ etc. Wenn ihr aber wirklich in der Fotografie weiterkommen wollt, dann sucht euch Kritiker, die im Thema stehen und euch nicht kennen. Sie haben nichts davon, euch zu verletzen oder zu schmeicheln, aber schauen auf das handwerkliche Können. Ja, neben Kunst ist Fotografie auch ein Handwerk.

Ich bin persönlich über jeden froh und dankbar, der mir Bildkritik gibt, ob mir die Meinung gefällt oder nicht. Warum? Der Kritiker hat sich die Zeit genommen, mein Bild länger als einen Augenblick zu betrachten und dann sogar noch etwas dazu zu schreiben. Das ist nicht selbstverständlich.

Irreführend ist z.B. auch die Like-Anzahl für Fotos, ob in FB-Gruppen oder Internetforen. Bedeutet ein Like wirklich eine konstruktive Bildkritik? Korrelliert die Anzahl der Likes mit der Qualität eines Bildes? Meiner Meinung nach kann man das nicht so sehen, z.B. sind Baby-, Kinder- und Tierbilder oft von Haus aus schon einen Sympathieträger. Erhält ein Bild viele Likes, weiß der Fotograf zwar, dass sein Bild vielen Leuten gefällt, aber warum, geht daraus nicht hervor. Ein Like ist ein Lob, mehr nicht. Ich möchte die Likes damit keinesfalls schlechtreden, sondern sie lediglich differenziert zum eigentlichen Thema sehen. Sie sagen nichts Konstruktives aus, warum ein Foto gefällt oder wie handwerklich gut ein Foto ist.

Und nun noch ein paar Sätze dazu, um hilfreiche Kritik zu formulieren.

Worte wie „cool“, „Hammer“, „geil“, „super“ etc. nützen alleine wenig, wenn nicht ein „warum“ ergänzt ist. Erst diese Ergänzung macht das Feedback wertvoll und wäre die Kurzversion einer Bildkritik.

Um eine ausführliche Bildkritik abzugeben, sollte man sich einige Minuten Zeit nehmen, um sich mit dem Foto auseinanderzusetzen.

Der erste Schritt wäre ebenfalls, etwas Positives am Bild zu benennen. (Es gefällt mir, weil …) Erst dann kommt der Part, was verbessert werden könnte. Ich beschreibe, was das Bild mit mir beim Betrachten macht. Ausdrücke wie „Mist“, „Schrott“, „ist eher was für den Papierkorb“ sind für den Fotografen wenig hilfreich. Konstruktive Kritik formuliert man in der Ich-Form und beschreibt z.B. „Das Bild erreicht mich nicht, weil…“
Wir wissen als Betrachter nicht, was sich der Fotograf bei der Entstehung des Fotos gedacht hat, also können wir auch nichts unterstellen. Eine Ich-Formulierung lässt noch Raum für andere Meinungen.
Im Anschluss können Hilfestellungen z.B. zu Fokus, Bildkomposition, Linienführung, Regeln in der Fotografie, Format, sowie Licht, Belichtung und Lichtstimmung etc. gegeben werden.

Mit ein paar aufmunternde Worte am Schluss wird die Bildkritik abgerundet und der Fotograf kann das Feedback für sich bewerten.

Nun bleibt mir nur noch zu hoffen, dass das Wort „Bildkritik“ seine Negativbehaftung verliert. Geht auch im Netz fair miteinander um, denn nur weil man 24 Stunden rund um die Uhr posten kann, sollte man die Tugenden wie Achtung und gegenseitiges Respektieren nicht verlieren.

Viel Spaß weiterhin beim Fotografieren und Bilder zur Kritik stellen.

 

About Kerstin Hamm

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